Marlene Elvira STEINZ
Eröffnungsrede zur Ausstellung „NATUR / KUNST / PROZESSE“ HIPP Halle Gmunden, 8. Juni 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
geschätzte Kunstfreunde,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Künstlerinnen und Künstler,
wir befinden uns heute an einem Ort, der durch die Kraft der Kunst immer wieder eine tiefgreifende Transformation erfährt.
Die historische Industriearchitektur der HIPP Halle Gmunden, mit ihrem charakteristischen Ziegelgewölbe, wird in diesen Wochen zum integralen Bestandteil eines außergewöhnlichen Dialogs zwischen Natur, Mensch und Materie.
Unter dem Titel „NATUR / KUNST / PROZESSE“ begegnen wir hier sieben künstlerischen Positionen, die sich auf ein gemeinsames, glänzendes Fundament eingelassen haben.
Das Herzstück dieser Ausstellung bildet die rund 500 Quadratmeter große, begehbare Bodengold-Installation von
Johannes Angerbauer-Goldhoff. Sie verwandelt die Halle in ein spiegelndes Gesamtkunstwerk, in dem Raum und Kunst durch die Leitidee des Initiators und Kurators als gleichwertig nebeneinanderstehen und miteinander verschmelzen.
Es ist mir eine besondere Freude, Sie heute Abend in diesen vielschichtigen Kunstorganismus einführen zu dürfen.
Johannes Angerbauer-Goldhoff arbeitet prozessorientiert seit mehreren Jahrzehnten an seinem „Erweiterten Goldbegriff“ – einem künstlerischen Lebenswerk, das weit über Material oder Wert hinausgeht. Es geht ihm um das Inhaltliche und nicht um das blendende Material. Im Zentrum seiner Arbeit steht niemals das Gold allein, sondern immer der Mensch IM Gold.
Gold wird bei Angerbauer-Goldhoff zu einem Träger von Zeit, Erinnerung, Verantwortung sowie gesellschaftlicher Reflexion. Seine Arbeiten befreien den traditionellen Goldbegriff von rein materiellen Vorstellungen und erweitern ihn zu HUMANgold – zu einem sozialen und humanen Goldbegriff.
Bereits seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich Angerbauer-Goldhoff mit den Spuren, die Menschheit, Geschichte und Macht im Gold hinterlassen haben.
Als Hommage an die Geschichte der HIPP Halle als Lazarett während des 2. Weltkriegs zeigt Johannes Angerbauer-Goldhoff eine Rot-Kreuz-Liege. Darauf liegen Fragmente des Rahmens jenes Baby-Bildes aus dem Jahr 1994, das Sie hinter mir an der Wand sehen. Diese werden während der Ausstellungsauer vergoldet – zugleich eine Referenz an die Geschichte der Firma Hipp und an den Menschen als Mittelpunkt seines HUMANgold-Gedankens.
Die hier gezeigte Bodengold-Installation ist seine drittgrößte realisierte Rauminstallation und Teil dieser jahrzehntelangen Entwicklung. Auf den ca. 640 Glasplatten stehen rund 240.000 Namen von Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern – Menschen, Firmen, Vereine und Institutionen aus dem Telefonbuch der Jahre 1996/97.
Hinter jedem Namen steht auch ein Lebensweg. Ein Schicksal. Eine Geschichte. Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher bewegen sich damit buchstäblich über ein Archiv kollektiver Erinnerung.
Während sich bei früheren Installationen die Glaskuppel des Design Centers Linz spiegelte, begegnet uns hier nun das historische Ziegelgewölbe der HIPP Halle als Teil des Kunstwerks.
Und genau das wird hier in der HIPP Halle auf eindrucksvolle Weise erfahrbar. Diese Ausstellung lebt von Resonanz. Von Spiegelungen. Von Übergängen. Überlagerungen und Reflektionen. Und die weiteren Künstlerinnen und Künstler treten mit ihren Arbeiten darin in einen intensiven Dialog.
Auf diesem spiegelnden Goldgrund treten die Werke von Irma Kapeller in Resonanz. Die Künstlerin studierte in der Meisterklasse für Bildhauerei bei Erwin Reiter in Linz und wurde unter anderem mit dem Würdigungspreis des Bundesministeriums ausgezeichnet. Ihre Arbeiten befinden sich in bedeutenden Sammlungen, wie der Artothek des Bundes.
Irma Kapeller beschäftigt sich mit Haut, Hülle und Oberfläche als Speicher von Zeit und Erfahrung. Ihre Latexarbeiten entstehen im unmittelbaren Kontakt mit Orten.
Sie nimmt Abdrücke von Böden, Wegen und architektonischen Strukturen. Staub, Risse und Unebenheiten bleiben im Material eingeschrieben und werden zu sichtbaren Spuren von Werden und Vergehen. Was normalerweise übersehen oder achtlos betreten wird, erhebt die Künstlerin in einen neuen Zusammenhang.
Besonders eindrucksvoll ist, dass
Irma Kapeller während der Ausstellungszeit direkt hier in der HIPP Halle neue großformatige Abdrücke herstellen wird. Damit wird der Raum selbst zum Ausgangspunkt künstlerischer Handlung.
Die Keramikkünstlerin und Bildhauerin
Linda Luse, die ihr Masterstudium in Linz absolvierte und als Artist-in-Residence von Taiwan bis Portugal tätig war, lenkt unseren Blick auf fragile gesellschaftliche wie ökologische Kreisläufe unserer Welt.
Linda Luse arbeitet mit beeindruckender Präzision an den Verbindungen zwischen Landwirtschaft, Arbeit, Wachstum, Schulden und Umwelt. Unter dem Titel „Ohne Schulden kein Wachstum“ entstehen Arbeiten, die wirtschaftliche Systeme als materielle Realität sichtbar machen.
Besonders faszinierend ist ihre Fähigkeit zur Materialillusion: Ton erscheint bei ihr wie Textil, wie Wurzelwerk, wie Maisfelder oder Erdschichten. Sie arbeitet mit industriell belasteten Abfällen und Glasuren aus Schadstoffen und verbindet globale Lieferketten mit lokalem Boden.
Ihre Arbeiten entschleunigen den Blick und zeigen auf, wie eng Ökologie, Wirtschaft und Alltag miteinander verflochten sind.
Alois Lindenbauer, ausgezeichnet mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, bringt die geologische Dimension in die Halle. Er versteht die Natur als „Universalnahrung“. Lindenbauer, der sich intensiv mit megalithischen Kulturen und Höhlenexpeditionen auseinandersetzte, zeigt uns die Erde als skulpturale Wegmarke.
Mit
Alois Lindenbauer öffnet sich die Ausstellung in geologische und poetische Dimensionen, er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Stein, Landschaft, Erdgeschichte und Naturprozessen. Seine Arbeiten sind geprägt von einer tiefen Aufmerksamkeit gegenüber den Elementarkräften der Natur.
In der HIPP Halle begegnen uns seine langen, dünnen Holzelemente – die sogenannten „Weyerer Bögen“. Diese biegsamen, fast schwebenden Formen wirken wie geologische Bewegungen im Raum. Sie erinnern an Wellen, Bögen, tektonische Verschiebungen und an die Kräfte der Erdgeschichte.
(Die Weyerer Bögen sind übrigens ein geotektonisches Phänomen in den Nördlichen Kalkalpen, das als geologische Einmaligkeit gilt. Es handelt sich um eine etwa 40 km lange Struktur, die die Bundesländer Oberösterreich, Niederösterreich und die Steiermark miteinander verbindet. Die Bögen stellen eine atypische und relativ junge Eigenbewegung inmitten des riesigen Alpenbogens dar. Sie sind landschaftsprägend mit Höhen bis zu 1540 m und reichen in Tiefen bis zu 2600 m.)
Ebenso eindringlich sind die Arbeiten seiner Werkreihe „NAHRUNG NATUR“.
Alois Lindenbauer teilt Geschiebesteine, die über Jahrmillionen von Gletschern und Flüssen geformt wurden und durch minimale Eingriffe öffnet sich ihr Inneres.
Die Steine werden zu Gefäßen. Zu Trägern von Erinnerung. Zu Symbolen von Nahrung und Existenz. Er erinnert uns daran, dass Gestein und Wasser miteinander verbunden sind – dass Gebirge verborgene Ozeane in sich tragen und die Geschichte der Erde – gerafft auf ein Jahr – uns Menschen erst in den letzten Silvester-Sekunden erscheinen lässt.
Mit
Linda Steinthórsdóttir und
Johann Wimmer
betreten wir schließlich die Landschaften Islands.
Ihre Zusammenarbeit begann 2016 und entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen Symbiose zwischen Malerei und Fotografie. Ihre Werke verschmelzen zu gemeinsamen Bildräumen.
Die geborene Isländerin
Linda Steinthórsdóttir zeigt in ihrer Malerei die unbändige Natur ihrer Heimat: Gletscher, Wasserfälle, Eisschollen und das Leuchten der Nordlichter. Ihre gestischen Pinselbewegungen lassen Licht, Bewegung und Wetterphänomene beinahe körperlich erfahrbar werden. Zudem verarbeitet sie Vulkanasche in ihren Werken.
Johann Wimmer wiederum versteht sich als Lichtbildner. Der Meisterfotograf arbeitet bewusst gegen Vergänglichkeit und Vergessen. Seine Fotografien entstehen aus Konzentration, Geduld und intensiver Auseinandersetzung mit Licht und Schatten.
In der Dunkelkammer verbindet er seine Fotografie mit
Linda Steinthórsdóttirs Malerei. Fotografische Emulsionen treffen auf monochrome Oberflächen und schaffen Bildräume, in denen sich Natur und Erinnerung gegenseitig durchdringen.
Andreas Schoenangerer schließlich bewegt sich an der Kippschwelle zwischen Gegensätzen.
Der gelernte Metallplastiker, Restaurator und Klangkünstler beschäftigt sich mit Widersprüchen, die vielleicht gar keine sind. Im Zentrum seiner Arbeit steht die sogenannte Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zu verstehen.
Seine monochromen Arbeiten aus der Werkserie der Antragstechnik entstehen aus Kalk, Kreide, Marmormehl und Pigmenten. Doch anstelle klassischer Pinsel verwendet er Kleidung. Farbdurchtränkte Textilien werden in einem konzentrierten und eruptiven Moment auf die Leinwand geworfen. Bewegung, Beschleunigung und Zufall hinterlassen dabei Spuren, die wie eingefrorene Gesten wirken.
Andreas Schoenangerer beschreibt seine Arbeiten nicht einfach als Malerei. Er versteht sie als Erkenntnistheorie und als Suche nach einem Nullpunkt absoluter Achtsamkeit.
Besonders faszinierend ist auch seine Beschäftigung mit Synästhesie.Gemeinsam mit seinem Bruder Gabriel entwickelt er Projekte, bei denen Bilder in Klang übersetzt werden. Durch eigens programmierte Codes und KI-gestützte Analysen entstehen sogenannte „Zeitbildtöne“ – akustische Räume, in denen visuelle Informationen hörbar gemacht werden.
Und genau hier öffnet sich die ideale Verbindung zur heutigen musikalischen Performance.
Karen Schlimp ist Multiinstrumentalistin, Improvisationskünstlerin, Komponistin und Lehrende an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz und wird mit außergewöhnlichen Klangquellen wie dem von ihr erfundenen Kanunpiano oder dem Waterphone die ausgestellten Werke interpretieren.
Seit vielen Jahren arbeitet
Karen Schlimp an den Schnittstellen zwischen Musik, Raum und bildender Kunst. Mit eigenen Klavierinstallationen sowie zahlreichen Kooperationen in Museen und Galerien schafft sie Klangräume, die weit über eine klassische Konzertform hinausgehen.
Auch heute Abend versteht sich ihre Performance als unmittelbarer Dialog mit den ausgestellten Werken. Sie wird selbst dazu eine paar Worte erklären.
Ich danke nun allen Künstlerinnen und Künstlern für ihre ausgestellten Werke, ihren Mut in herausfordernden Zeiten weiterzumachen und ihre intensive Zusammenarbeit.
Ebenso danke ich Johannes Angerbauer-Goldhoff für die visionäre Konzeption dieser Ausstellung.
Mein Dank gilt außerdem der Stadt Gmunden, der Firma Hipp, Herrn Leroy und Herrn Stockhammer, allen Unterstützerinnen und Unterstützern sowie Ihnen, verehrtes Publikum für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.
Ich lade Sie nun herzlich ein, sich auf diese Prozesse einzulassen. Die Spiegelungen zu entdecken. Die Materialien zu erleben. Und vielleicht auch Spuren Ihrer eigenen Geschichte wahrzunehmen.
Vielen Dank.
